Einleitung
Seit dem 20. Juni 2025 gelten in der Europäischen Union strengere Vorgaben für die Reparierbarkeit von Smartphones und Tablets. Neben dem bekannten Energie‑Label muss nun auch ein Reparatur‑Score von A bis E angegeben werden, und Hersteller sind verpflichtet, auf einer frei zugänglichen Website sowohl Anleitungen als auch Preislisten für Ersatzteile zu veröffentlichen. Ein Jahr nach dem Inkrafttreten hat die Initiative Repair.eu die Einhaltung dieser Regeln geprüft – und ein erschreckendes Bild gezeichnet.
Was verlangt die neue Regelung?
Selbst‑deklariertes Reparatur‑Rating
Der Reparatur‑Score wird von den Herstellern selbst ermittelt und soll die Leichtigkeit von Reparaturen widerspiegeln. Er erscheint neben dem Energie‑Label, ist jedoch im kompakten Online‑Piktogramm nicht sichtbar. Die Idee ist, Verbraucher*innen zu ermöglichen, Geräte nicht nur nach Stromverbrauch, sondern auch nach Wartungsfreundlichkeit zu bewerten.
Pflicht zur Bereitstellung von Informationen
Zusätzlich müssen Unternehmen auf einer öffentlich zugänglichen Plattform detaillierte Anleitungen und transparente Preisangaben für alle austauschbaren Bauteile bereitstellen. Diese Daten sollen es Käufern ermöglichen, die Gesamtkosten eines Geräts besser einzuschätzen und gegebenenfalls Reparatur‑ statt Neukauf zu wählen.
Ergebnisse der ersten Jahresprüfung
Die Analyse von 2 334 in der EU registrierten Smartphone‑Modellen ergab ein klares Defizit: Nur rund 18 % der Einträge enthielten tatsächlich funktionierende Links zu Ersatzteil‑Preisen oder Reparaturanleitungen. Fast die Hälfte der Datensätze ließ das Feld für die URL komplett leer – ein offensichtlicher Verstoß, der leicht automatisiert hätte erkannt werden können.
Weitere 19 % verwiesen lediglich auf allgemeine Produkt‑ oder Support‑Seiten, auf denen weder Anleitungen noch Preislisten zu finden waren. Manche Hersteller gaben vage Preisspannen an, etwa „14‑128 € für eine Batterie“, ohne konkrete Angaben zu machen. Ein weiteres 8 % verwies nur auf das Benutzerhandbuch mit dem Hinweis „siehe Handbuch“, während fast 5 % die Kund*innen zu Plattformen wie Temu oder AliExpress leiteten – sowohl für Ersatzteil‑Preise als auch für Reparatur‑Hinweise.
Selbst‑vergebene Bestnoten trotz Lücken
Besonders irritierend ist, dass einige Unternehmen trotz fehlender oder unvollständiger Informationen einen perfekten Reparatur‑Score (Klasse A) beanspruchen. Beispiele hierfür sind das Oukitel WP35 Pro und das Shenzhen I17 Tablet, die beide mit einem A‑Rating ausgezeichnet sind, obwohl die zugehörigen Felder für Ersatzteil‑Preise leer bleiben oder auf externe Marktplätze verweisen.
Warum funktioniert das System nicht?
Die aktuelle Praxis beruht stark auf Selbstauskunft der Hersteller. Ohne konsequente Kontrollen durch Aufsichtsbehörden können leere Felder, irreführende Verlinkungen oder vage Preisangaben unbemerkt bleiben. Das Ergebnis ist ein System, das eher als Green‑Washing‑Instrument denn als echter Verbraucher‑schutz wirkt.
Um die Glaubwürdigkeit des Reparatur‑Scores zu sichern, wären automatisierte Prüfungen, strengere Sanktionen und eine klare Trennung zwischen Energie‑ und Reparatur‑Label nötig. Nur so kann verhindert werden, dass Unternehmen weiterhin leere Felder ausfüllen und gleichzeitig hohe Bewertungen erhalten.
Ausblick
Die EU hat mit den Ecodesign‑Regeln einen wichtigen Schritt in Richtung nachhaltiger Elektronik gesetzt. Die aktuelle Umsetzung zeigt jedoch, dass die reine Verpflichtung zur Angabe von Daten nicht ausreicht. Ein stärkeres Durchgreifen, transparente Monitoring‑Mechanismen und ein Bewusstsein bei den Verbraucher*innen sind entscheidend, um die angestrebte Reparatur‑freundlichkeit tatsächlich zu realisieren.