Der digitale Wandel als Nährboden für Faschisierung

Im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Simon Strick erläutert er, warum der Begriff „Faschisierung“ besser geeignet ist, um die schleichende Verfestigung rechtspopulistischer Muster im Netz zu beschreiben. Anders als der klassische Faschismus, der als historisches Ereignis verstanden wird, verstehe er Faschisierung als einen kontinuierlichen, mediengetriebenen Prozess, der bereits seit den Anfängen des Internets wirkt.

Warum nicht „Faschismus“?

Strick betont, dass die Rede vom Faschismus häufig einen Wendepunkt impliziere – ein plötzliches Aufkommen, das man erst einmal „erkennen“ müsse. Diese Vorstellung lasse die vielen kleineren, aber kumulativen Entwicklungen übersehen, die im digitalen Raum täglich stattfinden. Stattdessen sei es wichtig, die allmähliche Normalisierung faschistischer Sprachmuster zu beobachten, die sich in Foren, sozialen Netzwerken und Kommentarspalten ausbreiten.

Der kollektive Übungsraum im Netz

Ein zentrales Element seiner Analyse ist die „kollektive Praxis des Einübens“. Angelehnt an den Philosophen Pierre Zaoui beschreibt Strick eine Alltagssprache, die von harmlosen Irritationen zu offenen Abwertungen und schließlich zu Gewaltfantasien übergehen kann. Memes, Hashtags und ironische Bildchen fungieren dabei als Trainingsmaterial, das Nutzer*innen immer wieder in die Lage versetzt, feindliche Stereotype zu wiederholen, ohne dass sie sich als extremistisches Handeln bewusst sind.

Ein konkretes Beispiel: Das „Clownwelt“-Meme

Ein anschauliches Fallbeispiel liefert Strick selbst: 2019 erschien im Forum 4chan ein Bild eines Clowns mit Regenbogenperücke, das als Variation des rechten Symbols „Pepe the Frog“ gedacht war. Schnell wurde das Bild von rechten Akteur*innen als neues Symbol für queerfeindliche Gewaltfantasien adaptiert. Der Verfassungsschutz nahm das Meme in seinen Bericht über rechtsextreme Symbolik auf. Im weiteren Verlauf entwickelte sich das „Clownwelt“-Meme zu einem verbreiteten Zeichen im deutschsprachigen Kulturkampf, das unter anderem den Wunsch nach dem Verschwinden von Regenbogenfahnen ausdrückt, um ein vermeintlich „reines“ Schwarz‑Rot‑Gold zu restaurieren.

Die Rolle der Plattformen

Strick weist darauf hin, dass die Dynamik nicht nur von einzelnen Nutzern, sondern auch von den Strukturen der Plattformen begünstigt wird. Algorithmen, die polarisierende Inhalte bevorzugen, und die Anonymität in vielen Foren erleichtern das schnelle „Einüben“ von faschistischen Formulierungen. Sobald ein Meme oder ein Slogan viral geht, wird er zum Teil des öffentlichen Diskurses und kann dort weiter normalisiert werden.

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Der Kulturwissenschaftler warnt, dass wir als Gesellschaft nicht passiv bleiben dürfen. Das Bewusstsein für die schleichende Verbreitung faschistischer Muster sei ein erster Schritt, um Gegenstrategien zu entwickeln. Bildung, kritische Medienkompetenz und ein konsequenter Umgang mit Hassrede könnten laut Strick dazu beitragen, den medialen Prozess zu verlangsamen oder zu unterbrechen.

Insgesamt liefert das Buch „Faschisierung. Fluchtlinie des Digitalen“ von Simon Strick ein umfassendes Bild davon, wie digitale Medien nicht nur Informationen verbreiten, sondern gleichzeitig einen Raum schaffen, in dem autoritäre Ideologien geübt und verinnerlicht werden.

Source: https://netzpolitik.org/2026/interview-simon-strick-faschisierung-ist-ein-medialer-prozess/

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